Die Apokalypse von Otzenrath, Teil II

By | 26. November 2010

Langsam schleicht unser Auto in Richtung Niemandsland. Derselbe Ort, acht Monate später: Vor einem halben Jahr standen hier noch Häuser (Teil I); jetzt liegen hier nur noch Schutthaufen – das Dorf Otzenrath existiert nicht mehr! Wo 800 Jahre lang eine Ortschaft war, sieht man jetzt nur noch die Grundrisse von Gebäuden. Das zentrale Bauwerk von Otzenrath, die katholische Pfarrkirche St. Simon und Judas Thaddäus, ist verschwunden, auch das große Rittergut Leuffen wurde ausgelöscht. Nur die Janusz-Korczak-Grundschule steht noch, aber ihre Fenster und Türen sind zertrümmert und in ihren Gängen spielt der Wind. Otzenrath wurde Opfer des Braunkohlentagesbaus.

Der Todeskampf ist vorbei
Mit den Häusern von Otzenrath ist auch die düstere Atmosphäre verschwunden. Der Todeskampf ist vorbei. Der Krampf hat sich gelöst und ist einer heiteren sorglosen Stimmung gewichen. Die Melancholie des Untergangs ist verflogen. Langsam wandeln mein Begleiter und ich über den zurückgebliebenen „Leichnam“ des Dorfes. Das Zerstörungswerk ist noch nicht ganz getan – erst wenn die monströsen Bagger kommen und den Grund und Boden regelrecht „auffressen“, ist es endgültig vorbei. Dann klafft hier nur noch ein riesiges Loch, wie nach einem Meteoriteneinschlag.

Die vorletzte Ruhestätte
Träge klettern wir über die übrig gebliebenen Steinhaufen. Wir genießen die Frühlingssonne und den warmen Wind. Der Platz, auf dem der Friedhof stand, ist noch klar zu erkennen: Überall sind die offenen Gräber der Exhumierten zu sehen. Dazu fällt mir ein Witz ein: „Zwei Otzenrather Greise treffen sich, sagt der eine zum anderen: Ich bin jetzt 85 Jahre alt und all meine Freunde und Verwandten sind auch schon nicht mehr unter der Erde…“ Tatsache ist, dass die Gebeine der Verstorbenen umgebettet wurden – auch die Toten mussten umziehen. Trotzdem wirken die Grabstätten wie geplündert – der Otzenrather Friedhof ist halt keine „letzte“ sondern nur eine „vorletzte Ruhestätte“.

Geisterschule
Unsere Füße tragen uns in die noch stehende Grundschule. Am Eingang seht ein Schild: „Betreten auf eigene Gefahr“. Eine wohlige Melancholie bemächtigt sich meiner: Generationen von Schülern haben hier ihre Fünfen kassiert, und jetzt wird die Schule von der Abrissbirne kassiert. Irgendwie ist das höhere Gerechtigkeit. Ein Gang durch das jetzt verwahrloste Gebäude macht auf drastische Weise die Vergänglichkeit allen irdischen Seins deutlich: Wo sich früher Schüler der Disziplin ihrer Lehrer unterworfen mussten, wuchert jetzt Unkraut.

Überall liegt Krempel herum. Am Eingang gammelt ein unheimliches Tier im Straub vor sich hin. Es entpuppt sich als ein von Schülerhand gemachter Krake aus Pappmaché – diese Kreatur wirkt wie wirklich hier gestrandet. Besonders aufschlussreich ist die Tafel in einem der Unterrichtsräume: Hier standen vor acht Monaten noch einstudierte Freudenbekundungen und erbauliche Losungen von der Notwendigkeit des Umzugs. Man konnte sie durch die geschlossenen Fenster der Schule erkennen. Jetzt, wo die Schule verwaist ist, kann man auf der Tafel nachlesen, was die jungen Leute in Wirklichkeit bewegt: „Eddie stinkt“, „Fuck you“ oder „Ray was here“. Otzenrath verabschiedet sich von dieser Welt mit Klosprüchen und banalen Parolen.

Am Abgrund
Das eigentliche Verhängnis von Otzenrath lauert nicht weit entfernt – es ist die gigantische Abbaustätte für Braunkohle: Ein riesiges Loch, das sich immer weiter durch die Landschaft frisst. Angetrieben wird diese Annihilation durch überdimensionale Bagger. Angeblich findet man hier auch den größten Bagger der Welt, den berühmten „Schaufelradbagger 288“. Da wir ohne Zollstock unterwegs sind, verzichten wir auf eine Überprüfung dieser Behauptung und geben uns stattdessen dem überwältigenden Anblick einer völlig zerstörten Landschaft hin. Mein bärtiger Begleiter, eine Mischung aus „Bud Spencer“ und „Kapitän Haddock“, ist in seinem Element: Er filmt und fotografiert die Apokalypse. Auch hier hat sich der düstere Eindruck des ersten Ausflugs von vor acht Monaten verflüchtigt. Die Melancholie ist einer trägen Schläfrigkeit gewichen – bei Sonne wirkt selbst der Weltuntergang beschaulich. Es ist hier fast wie an einem Baggersee. Vor mir kopulieren Käfer. Dass auch ihr Lebensraum hier vernichtet wird, stört sie nicht. Wenn das große Loch ihren Nistplatz erreichen wird, ist ihre natürliche Lebensspanne schon längst abgelaufen: Nach uns die Sintflut!

Die unheimliche Gepflegtheit der Vorgärten
Unser Auto fährt uns zum nächsten „Todeskandidaten“: Es ist die Ortschaft „Holz“. Dieses Dorf steht noch, aber nicht mehr lange. Holz ist eine klassische Geisterstadt, hier sind nahezu alle Häuser verlassen, nur wenige Menschen leben hier noch. Das Unheimliche auch hier: Alles ist sauber und ordentlich. Nichts liegt auf den Straßen herum. Jedes Zeichen von Chaos und Untergang fehlt. Besonders gespenstisch: Die Gärten der mit Brettern vernagelten Reihenhäuser befinden sich in einem Zustand penibelster Ordnung. Aber wer pflegt diese Gärten? Sind es Geister oder niederrheinische Heinzelmännchen? Man hat den Eindruck, dass die ehemaligen Einwohner stetig zurückkehren und hier nach dem Rechten sehen. Die Atmosphäre von Holz hat etwas von „den Todeskandidaten noch einmal zum Friseur schicken“: Ein frisierter Kopf rollt schließlich hübscher! Am Dorfplatz von Holz steht ein älterer Mann und wartet. Worauf ist nicht ersichtlich. Vermutlich auf seine Erinnerungen. Vielleicht hat er sich hier früher mit seinen Kumpels getroffen, in alten Zeiten, die nun endgütig und unwiderruflich vorbei sind. Uns bedenkt dieser Zeitreisende nur mit missbilligenden Blicken: Wir Katastrophentouristen stören ihn bei seinen Erinnerungen.

Neu-Otzenrath: „Plastic Fantastic America“ Nach dem „Alten“ kommt nun das „Neue“: Wieder auf der Landstraße führt uns unser Weg nach Neu-Otzenrath. Als wir die ersten Häuser des wiedergeborenen Dorfes erreichen, verschlägt es uns fast den Atem: Die Ortschaft hat bei ihrem Umzug gleich den ganzen Kontinent gewechselt. Otzenrath liegt nun in Amerika! Hier regiert der kalifornische Lifestyle. Alles ist in höchstem Maße hell und steril. Die nagelneuen Häuer sind freistehend und von Rasenflächen umgeben: Das gute alte deutsche Reihenhaus hatte in der „neuen Welt“ der Braunkohlen-Vertriebenen einfach keine Chance mehr. Keine Bäume und keine Sträucher verdecken die Blicke auf die schmucken Eigenheime. Das bedeutet aber auch das Ende jeglicher Privatsphäre. Jeder kann nun jeden beobachten. Hier hat eindeutig ein Bruch mit deutschen Stadtplanungstraditionen stattgefunden. Die „neue Offenheit“ lädt zum Spitzeln à la „american neighborhood watch“ ein: „Ich weiß, was du gestern zu Hause getan hast!“ könnte das Motto von Neu-Otzenrath werden. Aber auch ganz neue Verkehrsrisiken sind hier entstanden: Wenn ein Fahrer hier die Kontrolle über sein Auto verliert, landet er, ohne aufgehalten zu werden, in einem Wohnzimmer oder einer Küche – kein Gartenzaun und keine Mauer könnte ihn hier stoppen. Als wir den Ort durchqueren, betritt gerade eine indische Familie ihr Haus: Neu-Otzenrath zieht Aufsteiger aus aller Welt an. Amerikanisch wirkt auch die neue Schule. Hier könnten „Charlie Brown“ und“ „Snoopie“ aus dem Ausgang stolpern: „Otzenrath-High“! Auf deutschem Boden ist hier ein „Plastic Fantastic America“ entstanden: Deutsche Spießigkeit wurde durch amerikanische Mittelmäßigkeit ersetzt. Vielleicht bildet Neu-Otzenrath ja nur die Vorhut? In einigen Jahren könnten alle deutschen Vororte so aussehen. Man müsste dann nicht mehr ins „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ auswandern, sondern könnte im „Land der begrenzten Möglichkeiten“ bleiben, um den amerikanischen Lebensstil in seiner vollen Intensität zu genießen.

Grüße vom Omega-Mann
Unser Abgang aus Neu-Otzenrath gestaltet sich leichten Herzens: Wir sind froh dieser neukalifornischen Idylle entronnen zu sein: Zurück in Deutschland erwartet uns noch einmal ein unheimliches Endzeitspektakel: Es ist die stillgelegte Autobahn A44. Auf der verlassenen Fahrbahn wächst bereits Unkraut. Weit und breit sind keine Fahrzeuge oder Menschen zu sehen. Hier sieht es aus wie nach einem Atomunfall oder nach einem Angriff mit biologischen Waffen: Jederzeit könnte hier der einsame „Omega-Mann“, der letzte Überlebende einer globalen Katastrophe, auf der Suche nach Nahrung und Wasser auftauchen. Auch diesen Ort verlassen wir mit gemischten Gefühlen. Wir wissen: Es wird noch elf weitere Dörfer treffen. Laut Planung soll sich das Vernichtungswerk bis 2045 fortsetzen. Dann wird das große Loch geflutet. Wo einst viele Dörfer und Ortschaften standen, wird ein künstliches Meer entstehen.

Der Artikel wurde am 05.07.2007 in Readers Edition veröffentlicht

13 thoughts on “Die Apokalypse von Otzenrath, Teil II

  1. Wanderkröte

    Hab ich im Fernsehen mal eine Reprotage drüber gesehen. Wahnsinn da verschwinden ganze Welten.

  2. Waräger

    Grausam, aber wahr. Aber woher soll sonst die Energie für Deutschland kommen? Besser nicht von A-Kraftwerken

  3. Silo

    Wenn ich das lese, wird mir ganz anders zumute. Alledings ist auch klar, wir brauchen die Braunkohle in Deutschland. Wenn wir die nicht hätten gingen hier bald die Lichter aus. Das ist aber für die Betroffenen, die hier ihre Heimat verlieren natürlich kein Trost.

  4. Oleg

    Na ja, sie haben ja woanders ein neues Zuhause gefunden. Ich weiß nicht, warum sich der Artikel darüber lustig macht, daß das neue Otzenrath so modern ist. Besser als in Bruchbuden zu wohnen.

  5. Merchant

    Sowas ist übel, die eigene Heimat zu verlieren. Aber wer kann was dagegen unternehmen? Das ist unglaublich, dass der Ort, wo man herkommt und wo man gewohnt hat auf Einmal ein riesige Loch ist. Wirklich kaum zu glauben wie im Horrorfilm aber wahr.

  6. Tobias

    Was passiert eigentlich, wenn sie in Neu-Otzenrath wieder Braunkohle finden. Müssen die dann noch einmal umziehen? Gibt es dann ein Neu-Neu-Otzenrath?

  7. Alina

    Das alles ist schlimm und überhaupt nicht witzig. Menschen verlieren ihre Heimat und können nie nie wieder zurück. Das ist schlimmer als bei den Schlesiern oder den Ostpreußen. Die können jetzt wieder in ihre alte Heimat fahren. Die Otzenrather haben alles verloren, nur nicht ihr Geld. Trotzdem: Schlimm genug.

  8. Caroline

    Das ist schlimm. Ich möchte nicht mit denen tauschen, ihr zuhause verlieren.

  9. Brinckmann

    Ein bischen traurig ist das schon, aber sie haben ja auch ihre Entschädigung erhalten.

  10. Maria

    Wer will schon sein altes Zuhause gegen sein neues aufgeben. Ich würde nicht wegwollen und schon gar nicht in so ein neues schniekes Dorf, wo alles eklig künstlich ist und nichts wirlich gewachsen ist. Aber so ist das nun einmal und die Leute müssen sehen, wie sie damit klarkommen. Ich hätte mit sowas meine Schwierigkeiten und wüßte nicht, was ich machen sollte wenn ich an dern Stelle wäre. Wahrscheinlich ganz weit weg ziehen und zwar völlig aus meiner alten Gegend raus damit mich nichts mehr an meine alte Heimat erinnern kann.

  11. Tinka

    Gibt es eigentlich auch sowas im Osten, neue Bundesländer? Da gibt es doch auch Braunkohlegruben. Verlegen die auch ganze Dörfer? Wird da auch noch gebaggert?

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