Bengaluru – Glanz und Elend in Indiens Wachstumstadt

By | 20. August 2010

„Raider heißt jetzt Twix“! So lautet ein bekannter Werbespruch aus der TV-Werbung. Was aber einem Schokoladen-Riegel passieren kann, trifft manchmal auch eine ganze Großstadt: Sie ändert ihren Namen. Dies ist jüngst mit der südindischen Metropole „Bangalore“ geschehen: „Bangalore heißt jetzt Bengaluru“!

Schwieriges Rebranding
Namensänderungen bei indischen Städten sind eigentlich nichts Ungewöhnliches. Indische Patrioten würden gerne alle Spuren der englischen Kolonialherrschaft austilgen und dazu gehören eben auch englische Städtenamen wie Bangalore. „Bombay“, „Kalkutta“ und „Madras“ hat es ja schon „erwischt“: Sie heißen nun „Mumbai“, „Kolkata“ und „Chennai“. In der Tat wäre die Nachricht über die Umbenennung Bangalores nur eine Kuriosität, wenn diese Stadt nicht das wichtigste High-Tech- und IT-Zentrum Indiens wäre. „Bangalore“ beziehungsweise „Bengaluru“ ist das Aushängeschild der indischen Volkswirtschaft. So modern wie Bengaluru soll bald der gesamte Subkontinent aussehen. Die Umbenennung der Stadt hat deshalb unter den wirtschaftlichen Eliten der Stadt Befremden hervorgerufen. Man ist der Meinung, dass Indien in den Zeiten des wirtschaftlichen Aufbruchs Besseres zu tun hat, als sich um Städtenamen zu kümmern. Außerdem sei gerade der alte Name „Bangalore“ eine weltbekannte „Marke“ gewesen. Bangalore habe für das „andere Indien“ gestanden – das Indien der Softwarelösungen und Satelliten. Wer hingegen kenne schon Bengaluru? Tatsache ist, dass renommierte indische Zeitungen, wie zum Beispiel „THE HINDU“ und „THE TIMES OF INDIA“ den neuen Namen bisher nicht verwenden.

Das Mekka der Computer-Inder
Bengaluru ist das „Mekka“ der „Computer-Inder“. Zwischen einem dichten Dschungel und einer Hochebene gelegen, hat sich Bengaluru zur Technik-Hauptstadt Indiens entwickelt. Über 1500 IT- und Biotechnologie Unternehmen sind hier ansässig. Bengaluru beliefert Kunden in aller Welt mit hoch entwickelten Produkten. Unter den Anbietern finden sich auch so illustre Namen wie Microsoft, SAP, Siemens und Bosch sowie die indischen Spitzenunternehmen Infosys, Wipro und TCS.

To get “bangalored”
Amerikaner, deren Arbeitsplatz im Rahmen eines Outsourcing-Projektes nach Indien verlagert wurde, gelten als „bangalored“. Bengaluru wird daher nicht umsonst als „Backoffice“ der Welt bezeichnet: Tatsächlich verlegen insbesondere angelsächsische Unternehmen gerne Verwaltungsarbeiten nach Indien. Das ist auch kein Wunder, weil praktisch alle gut ausgebildeten indischen Arbeitnehmer über hervorragende Englischkenntnisse verfügen. In Bengaluru kann man in Schnellkursen auch amerikanisches Englisch lernen. Das ist vor allem für die Callcenter der Stadt von Bedeutung. Diese sind in Bengaluru wie Pilze aus dem Boden geschossen. Wer in den USA telefonische Dienstleistungen in Anspruch nimmt, wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit einem indischen Callcenter verbunden.

Das Gehirn Indiens
Die einzigartige Stellung von Bengaluru unter Indiens Großstädten kommt nicht von ungefähr. Der Staatsgründer Indiens, Jawaharlal Nehru, hat Bengaluru zum geistigen Zentrum Indiens ausbauen lassen. Drei Universitäten, 14 Ingenieursschulen sowie 47 Fachschulen und Forschungsinstitute erzeugen eine große Anzahl qualifizierter Absolventen. Alljährlich verlassen alleine hier zehntausende frisch gebackener Ingenieure die Schulbank.

Sprungbrett in den Weltraum
Vor allem aber ist Bengaluru Indiens „Sprungbrett“ in den Weltraum: Hier ist der Sitz der Indian Space Research Organisation (ISRO), deren Aufgabe in der Entwicklung von Raketen und Satelliten besteht. Die indische Luftfahrtindustrie ist im Bereich des zivilen und militärischen Flugzeugbaus mit Hindustan Aeronautics Limited (HAL) in Bengaluru vertreten. Diese Ansammlung militärisch bedeutsamer Industrien in der Stadt trägt der Tatsache Rechnung, dass Bengaluru sich in maximaler räumlicher Distanz zum Erbfeind Pakistan und zur Volksrepublik China befindet.

Die Kehrseite: Chaos und Armut
Das Wirtschaftswunder von Bengaluru hat auch eine Kehrseite: Das Industrie- und Hightechzentrum Indiens ist nicht nur ein Schlaraffenland für hungrige Start-up-Unternehmer und karrierebewusste Hochschulabsolventen, sondern auch ein Ort krassester sozialer Unterschiede. Nirgendwo sonst in Indien sind die Gegensätze zwischen Arm und Reich, zwischen Glanz und Elend, zwischen Spitzenbildung und Analphabetismus so groß wie in der südindischen 5 Millionen-Metropole. Nahezu ein Zehntel der Einwohner der Stadt lebt in Slums. Diese werden regelmäßig von Bränden und Überschwemmungen heimgesucht. Durch den Bau der hochmodernen Bürogebäude und Technologieparks ist das traditionelle System aus Dorfteichen und Entwässerungsgräben verschwunden. Wenn es richtig regnet, steht sofort die halbe Stadt unter Wasser. Während in den Technologievierteln exzellente Verkehrsverhältnisse herrschen, sind die sonstigen Straßen der Stadt nur schwer passierbar. Das Verkehrsaufkommen ist regelrecht explodiert – wer zur Rushhour unterwegs ist, braucht von einem Ende der Stadt zum anderen so lange, wie mit dem Flugzeug von Bengaluru nach Delhi. Die Brücken sind baufällig und die Luftverschmutzung ist enorm. Der Strom fällt permanent aus, was schon zu schweren Ausschreitungen der frustrierten Einwohner geführt hat.

Befristete Inseln der Glückseligkeit
Die IT-Unternehmen bemerken von alldem wenig. Sie verfügen über eine eigene vom öffentlichen Netz unabhängige Stromversorgung. Firmeneigene Fitness-Center, Restaurants und Golfplätze gehören in Bengaluru zur Standardausrüstung eines guten Unternehmens. Wer aber aus seinem verglasten Büro über den Rand seines Laptops hinausschaut, sieht das „andere Indien“, das Indien der Hütten und der heiligen Kühe. In Bengaluru leben “Erste Welt” und “Dritte Welt” in Sichtweite nebeneinander. Wie lange dies noch gut geht, weiß niemand.

Dieser Artikel wurde am 20. Dezember 2006 von Frank Hoffmeier in Readers Edition veröffentlicht.

17 thoughts on “Bengaluru – Glanz und Elend in Indiens Wachstumstadt

  1. Sidewinder

    Und ich dachte, die sind so weit forgeschritten. Aber wie man sieht nicht überall. Ach hier wir nur mit Wasser gekocht. Alle bekommen ja immer so Komplexe wenn sie von den hochintelligenten Computerinden lesen, aber das hier spricht eine andere Sprache. Mal sehen, wie sich die Inder in Zukunft machen.

  2. Susanne

    Die Inder sind halt einerseits technologisch sehr fortgeschritten. Aber andererseits gibt es eben noch viel Elend und das ist nicht so leicht auszurotten. Es gibt ja auch über eine Milliarde Inder. Die auf westliche Lebensstandard zu bringen dauert halt einige Zeit und geht nicht von heute auf Morgen.

  3. Silo

    Na ja, wo es Licht gibt, ist auch viel Schatten. Die Inder haben in den letzten 20 Jahren enorme Fortschritte gemacht. Und dabei konnten sie nicht alle mitnehmen. Das ist aber nicht die Schuld der Inder: Es gibt einfach zuviele Probleme in diesem Land. Aber ich finde, dass sie enorme Fortschritte gemacht haben und die sind wirklich toll. Also nicht an diesem Land ungerechtfertigt rummotzen!!!

  4. Korbflechter

    Trotz einiger Startschwierigkeiten heißt es völlig zurecht: Indien und nicht China. Indien ist ein Land der Zukunft. Sie haben alles was wichtig ist. Sie können Englisch, sind eine Demokratie und haben einen Rechtsstaat, zumindest einigermaßen. Das alles hilft dabei Investitionen aus dem Ausland anzulocken. Indien wird viel Erfolg haben!!!

  5. Andrea

    Ich finde, dass die Inder immer unterschätz worden sind. Sie haben schon sehr früh sehr gute Mathematiker gehabt und sind auch sonst nicht auf den Kopf gefallen. Kein Wunder, dass sie jetzt aufsteigen.

  6. Biker

    Aha, ein Artikel, der geringfügig objektiver ist als der Varanasi-Artikel in diesem Blog. Das in Indien nicht alles Gold ist, was glänzt, wissen wir alle, weil wir alle fernsehen und über Indien schon aus dieser Persektive gehört haben. Etwas Fainess täte gut, wenn man über dieses große und fazinierende Land schreibt. Der Biker

  7. Olaf

    In Bengaluru scheint es ja auch drunter und drüber zu gehen. Was ich nicht verstehe ist, das die jetzt so viel erreicht haben und es in deren Land immer noch so aussieht wie bei Hempels unterm Sofa. Die haben doch jetzt das Geld alles besser zu machen und alles zu reparieren. Warum machen die das nicht?

  8. Egomane

    Indien ist halt ein aufsteigendes Land, auch wenn es vielen im Westen nicht passt. Die werden nicht ewig Hungerleider bleiben. Ich denke, dass Indien zu einem der großen Industrienationen heranwächst. Ob sie besser werden als China ist fraglich, aber sie werden sehr wichtig werden. Nicht umsonst heißt es ja BRIC-Staaten: Brasilien, Russland, Indien, China.

  9. Sandra

    Wenn man das so ließt kann einem ja Angst und Bange werden. Wir können froh sein, dass wir hier im sicheren Deutschland leben und nicht in Indien oder Afrika. So krasse Gegensätze zwischen reich und arm können wir uns hier in unserem Land gar nicht richtig vorstellen. Ich hoffe, dass es den Indern gelingt, diese Gegensätze abzubauen und die Armut zu bekämpfen.

  10. Leo

    Ja, so sieht es bestimmt in allen Städten von Schwellenländern aus. Auf der einen Seite ganz viel Reichtum und auf der anderen Seite extreme Armut. Der Autor hat die richtige Frage gestellt: Wie lange kann dies noch gut gehen?

  11. Stefanus

    Indien wird Weltmacht, keine Frage. Sie haben Milliarden Menschen die billig abbeiten und sie kommen in der Technik immer weiter voran. Das wird bald gefährlich für den Westen. Der Westen sollte sich besser warm anziehen, wenn Indien und China an ihm vorbeirauschen. Aber noch ist es nicht zu spät.

  12. Merchant

    Ja, mit Indien geht es bergauf. Auch wenn sie noch Schwierigkeiten haben, sie haben auch sehr viele gute Universitäten.

  13. Moni

    Ich habe vor Kurzem eine Sendung im TV über einen Enländer in Indien gesehen. Der war auch in Bangalore. Aber am witzigsten war der Teil der Sendung über eine Schneehalle in Hyderabad. Die Inder bezahlen Geld dafür, dass sie Schnee sehen und erleben können.

  14. Collins

    Indien ist einfach nur geil! Ich war selbst mal da. Rjasthan. Jaipur, Jaisalmer, Pushkar, Deshnok etc. Einfach Wahnsinn! Eine ganz andere Welt.

  15. Alina

    Die Inder sind fleißig und haben ihren Aufstieg verdient. Sie sind fleißiger als so manches andere Volk in Europa.

  16. lonerider

    Indien ist einfach ultracool! Ob nun Bengaluru oder Mumbai oder Kolkata! Ich war selbst schon mal dort und kann sagen, dass es wirklich eine Reise wert ist. Nirgendwo sonst kann man auf kleinem Raum so viel sehen wie in Indien. Schon von Dorf zu Dorf ändert sich vieles und Indien besteht eigentlich aus unendlich vielen kleinen Kulturkreisen.

  17. Greg

    Ich war vor 3 Monaten in Bangalore. Niemand in Indien sagt wirklich Bengaluru. Diese Namensgebung ist einfach nur Politik. Die Menschen auf den Straßen halten sich aber nicht an die Vorgaben der Politiker.

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